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Gibt es eine „anhaltende Trauerstörung“?

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Damit sind Sie nicht allein: „Anhaltende Trauerstörung“ ist ein Thema, zu dem der Bundesverband Trauerbegleitung berät. Symbolfoto
Damit sind Sie nicht allein: „Anhaltende Trauerstörung“ ist ein Thema, zu dem der Bundesverband Trauerbegleitung berät. Symbolfoto

Kann eine „anhaltende Trauerstörung“ als eine Kategorie psychischer Erkrankung diagnostiziert werden? Wie erkennt man diese „Störung“? Der Bundesverband Trauerbegleitung bezieht dazu Stellung.

Trauerprozesse sind höchst individuell und betreffen den ganzen Menschen mit seinen Emotionen, Gedanken, Verhaltensweisen und körperlichen Reaktionen. Sie dauern unterschiedlich lang und enden in der Regel nicht damit, dass für die Hinterbliebenen alles ist wie vor dem Verlust. Trauer ist ein Prozess, der sich in der Regel nicht kategorisieren lässt und keine Diagnose darstellt.

Wie oft kommt es zu „problematischen“ Trauerfällen?

Wie die internationale Trauerforschung seit Jahrzehnten beschreibt, gehen auch wir davon aus, dass es in etwa 10 bis 20% der Trauerfälle zu einem problematischen Trauerverlauf kommt, der in der Regel professioneller Hilfe bedarf. Dazu haben wir bereits vor einigen Jahren ein differenziertes Klassifizierungssystem entwickelt, dass nicht-erschwerte Trauer beschreibt, erschwerte Trauer als Prognose und traumatische und komplizierte bzw. verlängerte Trauer als Diagnosen beinhaltet.

Ab wann wird eine Trauerprozess „problematisch“?

Kritisch sehen wir den Zeitpunkt einer möglichen Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“ ab sechs Monaten nach dem Verlust. Dies können wir zwar aus pragmatischen Gründen akzeptieren, um zu einem solchen Zeitpunkt eine durch Risikofaktoren geprägte Trauer mit einer problematischen Prognose behandeln zu können. Grundsätzlich jedoch sind wir der Ansicht, dass anhaltende oder komplizierte Trauerprozesse erst deutlich nach dem ersten Jahrestag des Todes zu erkennen sind.

Weitere Infos zum Bundesverband Trauerbegleitung sind unter www.bv-trauerbegleitung.de einsehbar.


TTrauergruppe: „Bei uns wird zusammen geweint, aber viel auch gelacht!“

Gundula Marek (zweite von rechts) bedankte sich bei acht von über 17 Mitgliedern, insbesondere dem Ehepaar Schlegel für das Bestehen sowie den Zusammenhalt der Gruppe.
Gundula Marek (zweite von rechts) bedankte sich bei acht von über 17 Mitgliedern, insbesondere dem Ehepaar Schlegel für das Bestehen sowie den Zusammenhalt der Gruppe.
WOLFSBURG (nd).Vor vier Jahren gründete Gundula Marek die Trauergruppe. Sie selbst wurde oft mit dem Thema Verlust konfrontiert und ergriff daher die Initiative, eine Gruppe für „Gleichgesinnte“ zu organisieren.

Kurier: Warum haben Sie das Gespräch mit dem Kurier aufgesucht?

Gundula Marek: Das Thema Trauer wird heute noch stark tabuisiert. Es gibt viele Trauernde in Wolfsburg, die sich nicht trauen uns aufzusuchen. Daher wollen wir die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren und zu Betroffenen sagen: Ihr seid nicht allein. Der erste Kontakt kann auch anonym übers Telefon aufgesucht werden.

Kurier: Was hat Sie vor vier Jahren veranlasst, die Gruppe zu gründen?

Gundula Marek: Ich habe bereits viele Menschen verloren. 1996 meinen Ehemann, dann beide Großmütter und eine Freundin. 2013 meinen Lebenspartner, meine Mutter sowie Schwiegermutter in spe. Ich suchte im Jahr 2014 das Hospizhaus auf. Während der Einzelgespräche, bekam ich die Idee eine eigene Gruppe für Gleichgesinnte zu gründen.

Kurier: Was ist das Ziel der Trauergruppe und an wen richtet sie sich?

Gundula Marek: Das Ziel ist gegenseitige Unterstützung. Wir sind eine Gruppe, in der zusammen geweint, aber auch gelacht wird. Auch gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Essen gehen oder Kegeln veranstalten wir. Die Gruppe hat keine Altersgrenze und ist offen für alle. Wichtig hierbei: Man wird hier bedingungslos akzeptiert. Niemand sagt ‚ach, wie schlecht ist die wieder gelaunt‘ oder ähnliches. Denn wir tragen hier alle das gleiche Schicksal.

Kurier: Wie läuft ein Treffen der Trauergruppe ab?

Gundula Marek: Zunächst die Begrüßung, dann die Frage nach dem Wohlbefinden, Problemen und Gesprächsbedarfen. Das Gespräch kommt meist von ganz allein ins Rollen. Um die Angst vor der erstmaligen Teilnahme zu lindern: Wenn man nicht sofort sprechen möchte, dann einfach erstmal hinsetzen und zuhören – bloßes Zuhören kann auch schon helfen und ist hilfreich für die Bewältigung der eigenen Trauer.

Kurier: Welche Fragen bekommen Sie oft zu hören?

Gundula Marek: „Wen haben Sie verloren?“ und daraufhin „Wie halten Sie das denn aus?“, denn schon allein ein Verlust ist schwer zu ertragen. Meine Antwort ist eindeutig: Durch die Trauergruppe, denn mit ihr weiß ich, dass Leute hinter mir stehen und mich verstehen. Und das ist wichtig: Mit einem Verlust, bricht auch der bestehende Freundeskreis zusammen. Denn zuvor nahm man häufig als Paar an Freundestreffen teil. Wenn der Partner verstorben ist, wird man oft nicht mehr eingeladen – viele denken, so geht es nur ihnen, nochmal: Ihr seid damit nicht allein.

Treffen: Jeden ersten Freitag im Monat von 18 bis 20 Uhr sowie jeden dritten Samstag im Monat von 16 bis 18 Uhr im KISS des Paritätischen Wolfsburgs, Saarstraße 10a.

Gundula Marek: 05363/707567. Auch Angehörige sind willkommen.Gundula Marek (zweite von rechts) bedankte sich bei acht von über 17 Mitgliedern, insbesondere dem Ehepaar Schlegel für das Bestehen sowie den Zusammenhalt der Gruppe.


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